50 Jahre Stadtverband für Sport Tübingen –
50 Jahre Entwicklung von Turnen, Leibesübungen und Sport in Tübingen

Jubiläumsrede von Herrn Gabler

Am 21. Mai 1954 berichtete das Schwäbische Tagblatt, in der Gaststätte „Forelle“ habe sich der „Stadtverband für Leibesübungen“ konstituiert. Meine Recherchen ergaben, dass ein Protokoll von dieser 1. Sitzung , die am 19. Mai 1954 stattfand, auch tatsächlich vorliegt. Gründungsmitglieder waren 10 Tübinger Sportvereine. Sie wählten Staatsanwalt Stein vom SV 03 Tübingen zum ersten Vorsitzenden. Technischer Leiter war Karl Hörmann vom TSV Lustnau, als Kassenwart fungierte Karl- Heinz Stöber vom Tübinger Schwimmverein. Die Verbindung zur Stadt wurde dadurch hergestellt, dass Wolfgang Werner vom Bürger- und Verkehrsverein zum Schriftführer gewählt wurde. Die TSG durfte auch nicht fehlen. So wurde bestimmt, dass die TSG noch den 2. Vorsitzenden zu bestimmen habe.

Eigentlich hätten wir dieses Jubiläum im Jahre 2004, also 50 Jahre nach 1954, feiern müssen. Doch der Stadtverband für Leibesübungen ging davon aus, dass er erst 1959 in das Vereinsregister eingetragen wurde. Meine Recherchen ergaben allerdings, dass 1959 lediglich die Satzung des Stadtverbands geändert wurde. Andererseits- und dies berechtigt unsere heutige Feier durchaus- zeigt das Vereinsregister der Stadt Tübingen, dass der heutige Stadtverband für Sport als Stadtverband für Leibesübungen bereits 1919 gegründet wurde. Um historisch genau zu sein: Die Satzung des Stadtverbandes für Leibesübungen wurde am 15. September 1919 errichtet, so dass wir heute zu Recht feiern dürfen, allerdings nicht das 50 jährige, sondern das 90jährige Jubiläum. Bei einer solchen Jubiläumsfeier sollten wir sowohl zurückschauen als auch nach vorne blicken.

Schaut man heute auf die Homepage des Stadtverbandes für Sport Tübingen, dann sieht man, dass sich der Stadtverband als Dachverband aller im Stadtgebiet Tübingen angesiedelten Turn- und Sportvereine versteht. Er will die Interessen der 65 Sportvereine mit ihren etwa 29000 Mitgliedern- davon etwa 8000 Jugendliche unter 18 Jahren- gegenüber der Verwaltung, dem Gemeinderat und der Öffentlichkeit vertreten.

Diese Zielsetzung wird bereits in einem Brief deutlich, den der damalige Oberbürgermeister der Universitätsstadt Tübingen, Dr. Mülberger, am 22. Juli 1954 im Blick auf die Wiedergründung an Staatsanwalt Stein schrieb, wobei er sich auf eine vorherige Aussprache mit Herrn Stein bezog. In diesem Brief ging es um die geplante Doppelturnhalle in der Weststadt (die heutige Hermann- Hepper- Halle), um eine Umkleidehalle für Mutter und Kind im städtischen Freibad, um Schulsportfeste im Freibad, um Fördermittel der Stadt für die Vereine, um die finanzielle Reduzierung von Ehrenpreisen, die aus Kostengründen zukünftig nur noch als Buch- oder Bildergeschenke zu fördern seien, um die Wiederbelebung des Stadtlaufs im Bereich der Alleen und schließlich um das Überlassen von genügend Wasser für die Eisbahn auf den Plätzen des Tennisclubs in der Wilhelmstrasse durch die Stadtwerke.

In diesem Brief kommt zum Ausdruck, was der Stadtverband auch heute noch vertritt. Ich zitiere noch einmal seine Homepage: “Der Stadtverband sieht sich als Bindeglied des Tübinger Sports zwischen den sporttreibenden Mitgliedsvereinen und den sporttragenden kommunalen und öffentlichen Einrichtungen und Organisationen. Er dient als sportpolitisches Sprachrohr des Tübinger Sports.“

Wenn wir unseren Blick nun auf die Entwicklung des Stadtverbands für Leibesübungen Tübingen von 1954 mit seinen anfänglich 10 Mitgliedern bis zum heutigen Stadtverband für Sport mit seinen 65 Mitgliedern richten, dann stellen wir fest, dass diese Tübinger Entwicklung die Entwicklung von Turnen, Leibesübungen und Sport in ganz Deutschland widerspiegelt.

Um diese Entwicklung der letzten 50 Jahre verstehen zu können, ist es allerdings sinnvoll, zuvor noch kurz auf die Turnbewegung vor nahezu 200 Jahren und den Beginn der Sportbewegung vor etwa 100 Jahren einzugehen.

Der erste Turnplatz wurde in Tübingen mit Zustimmung des Universitätsrektors 1819 in Anlehnung an die Jahn´sche Turnbewegung auf dem „Unteren Wöhrd“ eingerichtet. Das Flussauengelände von Neckar und Steinlach (heute Bismarck/- Schaffhausenstraße) hatte die Flurbezeichnung „Unterer Wöhrd“. Bis zu 200 Personen beteiligten sich zeitweise am Turnen, wobei Bürger und Akademiker getrennt übten. Karl Völker war ihr erster Übungsleiter. Nach der Ermordung des Dichters Kotzebue durch den Burschenschaftsturner Sand, der in Tübingen studiert hatte, wurde 1820 im Rahmen der sog. Turnsperre das Turn- und Burschenschaftswesen verboten, so dass im Verborgenen geturnt werden musste. Erst 1838 reagierte der Senat der Universität positiv auf den Wunsch der Studenten nach Wiederherstellung der Turnanstalt, da man annahm, dass „sich dadurch eine Ableitung von manchen Verfehlungen gegen die Disziplin erzielen ließe“. Unter Aufsicht der Disziplinarkommission wurde 1839 die sog. „Gymnastische Anstalt“ offiziell eingerichtet. Der Begriff Turnen war politisch belastet und wurde zunächst offiziell vermieden. 1845 wurde Karl Wüst von der Universität als Turnlehrer angestellt.

Nach dem Ende der Turnsperre entstanden in den 1840er Jahren vor allem in Süddeutschland wieder viele Turnvereine als Teil der bürgerlichen Vereinsbewegung insgesamt, so auch die TSG Tübingen im Jahre 1845.

Nach der Revolution 1848 verlor das bis dahin durch politische Ziele (nach bürgerlicher Freiheit und nationaler Einheit) stark bestimmte Turnen an Bedeutung. Politisch passten sich die Turner den Verhältnissen im kaiserlichen Deutschland an und suchten nach neuem Sinn für ihre Leibesübungen. Gleichzeitig kam der Sport als Konkurrent des Turnens auf.

Die englische Art, Leibesübungen zu treiben, wurde als Sport bezeichnet. Dieser Sport verbreitete sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts von England aus in alle Welt. Vor allem die oberen Schichten in Deutschland versuchten, sich dem Lebensstil der englischen Gentlemen anzupassen. So wurden Reiten, Rudern und Tennis in vornehmen Kreisen bald zu beliebten Sportarten, während Fußball eher die Masse der Bevölkerung begeisterte.

Die Einführung des Sports ist in Tübingen vor allem mit dem Namen von Paul Sturm verbunden, der 1895 Karl Wüst als Universitätsturnlehrer ablöste. Er verbreitete das Motto, „alles müsse von den Händen auf die Füße gestellt werden“ und propagierte in erster Linie das Fußballspiel. So wurde 1903 der erste Fußballclub gegründet. Aber auch andere Sportarten fanden in Tübingen Eingang, so das Baseballspiel, das Rudern und das Tennisspiel. Fidelia hieß der bereits 1887 gegründete Ruderclub, und der Tennisclub wurde auf Anregung des Universitätsrektors im Jahre 1909 gegründet. Daneben erfreuten sich die wintersportlichen Disziplinen wie Skilauf und Eislauf zunehmender Beliebtheit. Das Wandern und die Alpinistik breiteten sich ebenfalls aus und wurden z.B. im Hochschulsport der Universität Tübingen bereits in den 20er Jahren zu einem festen Bestandteil.

Frauen waren um die Jahrhundertwende noch weitgehend vom englisch geprägten Herrensport ausgeschlossen. Ein eklatantes Beispiel für die Frauendiskriminierung lässt sich auf das Baden und Schwimmen in Tübingen beziehen. Während die Männer seit 1851 in der sog. Badschüssel in der Nähe des heutigen Wildermuth- Gymnasiums baden und schwimmen konnten, war dies den Frauen untersagt. Sie konnten allenfalls in winzigen Bretterkisten, die auf Stelzen in den Neckar gebaut worden waren, ins Wasser steigen und dies nur in nachthemdartigen, langen Kleidern und schwarzen Wollstrümpfen oder mit langen Hosen, die mit Rüschen besetzt und mit weiten Blusen kombiniert waren. 1876 stellte die damals 23jährige Isolde Kurz empört beim Universitätssenat, der auch für die Badschüssel zuständig war, den Antrag, die Badschüssel wenigstens zu bestimmten Zeiten für das andere Geschlecht zu öffnen. Ganz Tübingen verurteilte dieses Begehren als unmoralisch, ja als umstürzlerisch. Erst 1908 wurde dem Antrag von Isolde Kurz stattgegeben.

Die Gleichberechtigung der Frauen erfuhr erst dann einen wichtigen Anstoß, als sich Frauen erstmals 1904 an der Universität Tübingen immatrikulieren durften. Sie begegneten jedoch zunächst vielen Vorurteilen. In den Hörsälen wurden sie belächelt, und auf der sog. „Rennbahn“ – gemeint ist die Wilhelmstrasse zwischen Stadtmitte und Neuer Aula- wurden sie begafft. Zur Durchsetzung ihrer Interessen gründeten sie eigene Vereine, die sich auch um die sportliche Freizeitgestaltung bemühten. Allerdings verwehrte ihnen der Universitätssportlehrer Paul Sturm den Zutritt zur Universitätsturnhalle in der Wilhelmstrasse gegenüber der noch heute existierenden Gaststätte Unckel. Diese Widerstände verringerten sich in den 20er Jahren im Rahmen der Forderung nach Einführung des Pflichtsports für alle Studierenden. Die Bevölkerung nahm zunächst Anstoß am Auftreten der studentischen Sportlerinnen. Nur durch die Anbringung eines undurchsichtigen Zauns um den Universitätssportplatz konnte der Übungsbetrieb im Freien fortgesetzt werden. Durch die Einführung der Sportpflicht für alle Studenten und Studentinnen in den 30er Jahren erfuhr der Frauensport dann allerdings eine breite Öffnung.

Im Rahmen der Konkurrenz zwischen Turnen und Sport dominierte der Sport zunehmend und wurde allmählich zum Oberbegriff für die Gesamtheit aller Leibesübungen. Manche Mehrspartenvereine, die um die Jahrhundertwende entstanden, nannten sich noch (vielleicht im Sinne eines Kompromisses) Turn- und Sportvereine, so der TSV Hagelloch und der TSV Lustnau, andere nannten sich bereits Sportvereine, so z.B. der SV Pfrondorf.

Wer sich weder für Turnen noch für Sport festlegen konnte, sprach von Leibesübungen.

Wie schwer sich einzelne Turnvereine mit dem Aufkommen des Sports taten, zeigt sich am Beispiel der heutigen TSG.

Obwohl- wie bereits berichtet- seit 1819 auf dem Unteren Wöhrd geturnt wurde, wurde der Verein, nämlich die Turngemeinde Tübingen, erst 1845 offiziell gegründet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte sich die Turngemeinde dem Aufkommen des Sports nicht verschließen. So wurde die alte Art des Turnens mit Geräteturnen, Frei- und Ordnungsübungen, Turnspielen und Liedersingen durch neue sportliche Formen von Leibesübungen, nämlich mit Fußball und Handball, Boxen und Schwimmen sowie Skilauf ergänzt. Das Wort „Sport“ tauchte jedoch in der Vereinssatzung nicht auf. Erst 1950, als mit Zustimmung der französischen Militärregierung die Versammlung zur Wiedergründung des Vereins stattfand, entschloss man sich mit eher knapper Mehrheit den Namen „Turngemeinde“ durch „Turn- und Sportgemeinde Tübingen 1845 e.V.“ zu ersetzen. Heute ist die TSG ein offener und bunter, moderner Sportverein mit vielfältigen Angeboten an Gymnastik, Turnen, Spiel und Sport.

Übrigens, viele sind der Meinung, die TSG sei der älteste Sportverein Tübingens. Dies kann bestritten werden, denn die Schützengesellschaft Tübingen wurde bereits 1562 gegründet, eventuell sogar noch früher. Andererseits ist fraglich, ob diese Gesellschaft in jener Zeit als „Sportverein“ auch im weiten Sinne zu bezeichnen ist. Denn bereits in der Zeit der frühen Hochkulturen dienten das Werfen, Bogenschießen und Reiten der Stärkung der Wehrkraft und der Vorbereitung der Jagd. Und auch noch in der Zeit des ausklingenden Mittelalters, also zur Zeit der Gründung der Tübinger Schützengesellschaft, waren Schützenvereinigungen nicht zuletzt ein Teil der Volksbewaffnung. Die Volksbewaffnung wurde in Württemberg erst 1850 beendet, so dass die Tübinger Schützengesellschaft erst dann ihren privaten Charakter erlangte.

Zurück zum heutigen Stadtverband für Sport. Auch er musste sich mit dem Aufkommen des Sports auseinandersetzen. So wurde im Jahre 1919- wie eingangs ausgeführt- zunächst der Stadtverband für Leibesübungen gegründet. Im Zuge der Gleichschaltung der Sportvereine in der Zeit des Nationalsozialismus wurde er dann offensichtlich wieder aufgelöst. Dokumente scheinen nicht vorzuliegen. Insofern handelt es sich 1954- wie bereits ausgeführt- um eine Wiedergründung. 1975 wurde der „Stadtverband für Leibesübungen“ in „Stadtverband für Sport“ umbenannt.

Diese Namensänderung in den 70er Jahren hängt aus meiner Sicht mit zwei Entwicklungen zusammen. Zum einen entwickelte sich die Theorie der Leibeserziehung zur Sport- Pädagogik, nicht zuletzt auf Druck der Studentenbewegung in den Jahren nach 1968, und die Sport- Wissenschaft etablierte sich. In diesem Zusammenhang wurde 1971 das Institut für Leibesübungen der Universität Tübingen (von vielen auch noch heute IFL genannt) in Institut für Sportwissenschaft umbenannt. Zum zweiten veränderte sich die gesamte Sportbewegung in Deutschland ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre in gravierender Weise, indem sie sich enorm ausbreitete und ausdifferenzierte.

Diese Ausbreitung und Ausdifferenzierung der Sportbewegung hat aus meiner Sicht drei Gründe:

Zum einen verbesserten sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, d.h., die Menschen hatten mehr Freizeit und bessere materielle Bedingungen, so dass es ihnen zunehmend möglich wurde, in ihrer Freizeit etwas materiell Zweckloses zu tun, nämlich Sport zu treiben.

Zum zweiten kamen neue gesellschaftliche Werte auf. Anerkannte Werte wie Leistung, Fleiß, Pflicht, Disziplin und Askese wurden ergänzt durch Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung, Emanzipation, Spaß und Vergnügen.

Und zum dritten entstand im Zusammenhang mit den verbesserten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den neuen gesellschaftlichen Werten der Breitensport als sog. „Zweiter Weg“ des Deutschen Sportbundes.

Mit diesem Zweiten Weg machte der DSB deutlich, dass die bisherige Wettkampforientierung nicht der alleinige Weg, nicht die ausschließliche Zielsetzung der Vereine darstellt. Die unter dem Motto „Sport für alle“ propagierten Angebote sollten in besonderem Maße Freude und Spaß vermitteln, das Sporttreiben in der Gruppe ohne soziale Leistungsnormen betonen, neue vielfältige Bewegungsformen in Ergänzung der traditionellen Sportarten erschließen, und sie sollten vor allem auch gesundheitlichen Interessen entgegenkommen. Besonders die verschiedenen Trimm- und Spielaktionen ab 1969 sprachen sowohl Männer als auch Frauen, sowohl Jüngere als auch Ältere, sowohl Leistungsstärkere als auch Leistungsschwächere an. Die Mottos der im Fernsehen propagierten verschiedenen Aktionen lauteten z.B.: „Trimm Dich durch Sport“, „Sport ist nicht nur Männersache“, „Trimmtrab, das neue Laufen ohne zu schnaufen“, „Ein Schlauer trimmt die Ausdauer“, „Trimming 130“!

Die Breitensportbewegung des Deutschen Sportbundes führte zu der bereits genannten enormen Ausdehnung und Ausdifferenzierung des Sports. Es entstanden viele neue Sportvereine, die Zahl der Vereinsmitglieder stieg rapide an, und neben den Sportvereinen traten in wachsender Zahl neue Sportanbieter auf, so die kommerziellen Fitness- und Sportstudios, aber auch die Volkshochschulen, Familienbildungsstätten, Krankenkassen, Betriebe und Touristikunternehmen. Parallel zum organisierten Sport wuchs der informell betriebene, private Sport, der insbesondere in der Natur betrieben wird, sei dies beim Laufen im Wald, beim Radfahren in der Landschaft, beim Surfen auf Seen , beim Kajak fahren auf Flüssen, beim Skifahren und Bergwandern in den Bergen.

Heute geben über 70% der Bevölkerung an, Sport zu treiben. Die beliebtesten Sportarten sind Radfahren, Schwimmen, Laufen (und zwar als Joggen) sowie Gymnastik und Fitnesstraining. Hierbei steht ein weiter Sportbegriff im Sinne der „bewegungsaktiven Erholung“ im Vordergrund, was genau den Zielsetzungen des „Zweiten Wegs“ der 70er Jahre entspricht. Der Sport hat sich also zu einem zentralen Teil unserer Alltagskultur entwickelt.

Diese Alltagskultur zeigt sich nicht nur darin, dass so viele Menschen heute Sport treiben, sondern auch darin, dass der Sport im Sinne von Spannung, Unterhaltung und Identifikation in den Medien, vor allem im Fernsehen, passiv konsumiert wird. Denken wir z.B. an die Begeisterung, welche die Fußballweltmeisterschaft vor drei Jahren im ganzen Land ausgelöst hat. Im Blick auf diese Alltagskultur sprechen wir in der Sportwissenschaft von der Entsportung des Sports und der Versportung der Gesellschaft, d.h., der klassische Vereinssport mit seinen traditionellen Werten ist zu einem gewissen Teil ausgedünnt, gleichsam entsportet, während die Gesellschaft durch eine allgemeine Sportlichkeit geprägt wird: So sind Manager und Politiker mehr oder weniger sportlich, und viele von uns legen Wert auf sportliche Autos, genauso wie auf sportliche Kleidung.

Im Rahmen dieser vor allem quantitativen Ausdehnung und Ausdifferenzierung des Sports in Deutschland in den letzten 40 Jahren ist auch die Entwicklung des Stadtverbands für Sport e.V. Tübingen zu sehen.

Zu den alten Einspartenvereinen mit den klassischen Sportarten Fechten, Hockey, Radfahren, Reiten, Rudern, Schießen, Schwimmen, Segelfliegen, Skifahren und Tennis (in alphabetischer Reihenfolge aufgezählt) kamen neue Einspartenvereine hinzu: so der Aikido- Club, der Bowling Sportverein, die Baseball und Softball spielenden Hawks, der Judosportverein, der Rollstuhlsport- und Kulturverein, der SSC, die Squashinsel, verschiedene Tanzsportvereine und der Verein für Bocciaspiele. Diese Vereine sind zum größten Teil sowohl freizeitsportlich/ breitensportlich als auch leistungssportlich orientiert und setzen somit das um, was der DSB mit seinen zwei Wegen propagierte. Ein 1994 gegründeter Verein hat einen besonders auffallenden Namen: „La Fanny Joyeuse, Boule und Petanque- Club“. Warum heißt der Verein „La Fanny Joyeuse“? „Wenn man beim Petanque 13:0 verliert- schlechter geht es nicht- dann ist man „Fanny“ und muss nach französischem Gebrauch das nackte Hinterteil der Fanny küssen. Da nicht immer eine Fanny zur Stelle ist, die bereitwillig ihren Hintern zur Verfügung stellt, wird bei uns das Gemälde unserer Fanny geküsst.“

Von der Ausdehnung des Breitensports profitierten auch die Mehrspartenvereine wie die TSG und der SV 03 sowie weitere 10 Mehrspartenvereine der verschiedenen Stadtteile, die ihr Programm im Laufe der letzten 30 bis 40 Jahre deutlich erweiterten.

Die Ausdifferenzierung des Sports, insbesondere im Blick auf den Breiten- und Gesundheitssport, schuf weiterhin neue Mitglieder des Stadtverbands, wie z. B. die Tübinger Präventionsgruppe, die Kindersportschule Tübingen und die Freizeitgruppe des Regierungspräsidiums.

Auf der anderen Seite haben viele Vereine Probleme bei der Förderung des Leistungssports. Manche zogen sich ganz zurück. Andere schlossen sich zusammen, wie die SG Tübingen 1991 als Zusammenschluss der Handballabteilungen der TSG und des SV 03 sowie der LAV 1993 als Trainings- und Startgemeinschaft von sechs Leichtathletikabteilungen verschiedener Tübinger Vereine. Oder es wurden neue Konzepte entwickelt, wie z.B. der 1991 gegründete Förderverein Tübinger Modell e.V. zur speziellen Förderung des Mädchen- und Frauenvolleyballs in enger Kooperation mit Tübinger Schulen, insbesondere mit der Geschwister- Scholl- Schule.

Die bereits angesprochene Entsportlichung des Sports im Sinne eines immer breiter werdenden Sportbegriffs zeigt sich im Tübinger Stadtverband für Sport darin, dass nicht nur verschiedene Schachvereine als Mitglieder aufgeführt sind, sondern auch der Bridge- Club und der Hundesportverein.

Die Entwicklung des Tübinger Stadtverbands für Sport kann also als Spiegelbild der Sportentwicklung in Deutschland gesehen werden. Dies gilt auch für die Entwicklung des Sports außerhalb der Sportvereine. Bemerkenswert ist hierbei, dass der Stadtverband nicht nur seine Mitglieder, also die Sportvereine, sondern auch den Tübinger Sport insgesamt vertreten möchte. Der Stadtverband vertritt hier den Standpunkt, den auch der Deutsche Sportbund einnahm, als er ab der 70er Jahre begann, seine Breitensportoffensive umzusetzen. Wie bereits beschrieben, trug dieser Zweite Weg dazu bei, dass sich der Sport enorm ausdifferenzierte und sich die Mitgliederzahlen der Sportvereine erheblich steigerten. Andererseits schuf sich der DSB aber zugleich auch eine erhebliche Konkurrenz dadurch, dass die Breitensport- Aktionen auch außerhalb der Vereine durchgeführt wurden und dass sich ganz allgemein immer mehr Menschen entschlossen, außerhalb der Vereine, also organisationsungebunden, sportlich aktiv zu werden.

Inzwischen sind noch etwa 40% der Sporttreibenden Mitglied in einem Sportverein. Dies gilt- wie wir in unserer Studie zur kommunalen Sportentwicklung Tübingens feststellten- auch für Tübingen. Allerdings gibt es neben den Sportvereinen auch in Tübingen noch eine Vielzahl von Institutionen, die ebenfalls organisierten Sport anbieten: so die Volkshochschule, Banken, Betriebe, Krankenkassen, die Familienbildungsstätte, die Kirchen, Therapiezentren, Behörden und vor allem die kommerziellen Fitness- und Sportstudios.

Kommerzielle Sportanbieter stellen auch in Tübingen eine wichtige Größe im Bereich des gesamten Sportangebots dar. Etwa 10 % der Sporttreibenden besuchen ein Studio. Die Studios machen zwar für alle Zielgruppen Angebote. Allerdings sind nur Frauen und Senioren expandierende Zielgruppen. Schwachstellen lassen sich vor allem im Bereich eines kindgerechten Angebots aufzeigen. Die Stärken der Studios liegen im zeitlich flexiblen und professionellen Angebot. Vielfach wird angenommen, kommerzielle Sportanbieter und Sportvereine stünden in heftiger Konkurrenz zueinander. Dies wird zumindest von den Vereinen eher nicht so gesehen. Die kommerziellen Sportanbieter entwickeln sich tendenziell in eine andere Richtung. Und- nicht zu vergessen- viele Vereinsmitglieder besuchen auch Sportstudios.

Etwa die Hälfte der Sportreibenden betreibt inzwischen ihren Sport oder zumindest einen Teil ihres Sporttreibens allerdings völlig ohne organisatorische Einbindung, also allein, mit Freunden oder mit Familienangehörigen. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass viele dieser Sporttreibenden von einem sehr breiten Sportbegriff ausgehen, der z.B. Radfahren, Schwimmen und Wandern einschließt. Organisationsungebunden Sport zu treiben hat verschiedene Vorteile: Es sind in der Regel keine Gebühren oder Mitgliedsbeiträge zu bezahlen; man ist zeitlich disponibel; Radfahren; Joggen und Wandern entspricht den zentralen Motiven des Sporttreibens, nämlich einfach Spaß zu haben, sich wohl zu fühlen, etwas für die Gesundheit zu tun und sich vom Alltag zu erholen. Viele wollen sich schließlich nicht an einen Sportverein binden oder scheuen sich, in einen Sportverein einzutreten, weil sie meinen, dort herrsche „Vereinsmeierei“.

Ist dies so oder kommen hier vor allem Vorurteile zum Ausdruck? Hat der Sportverein noch eine Zukunft, wie sicherlich die meisten von uns meinen, oder ist er ein Auslaufmodell, da sich der Sport außerhalb der Vereine offensichtlich in zunehmendem Maße ausgebreitet hat, wie andere meinen?

Die beiden zentralen Ergebnisse unserer großen WLSB- Vereinsstudie 2004, an der sich nahezu 2000 Vereine des Württembergischen Landessportbundes beteiligten, lauten:

  1. Die Zahl der Vereine mit Mitgliederzuwachs ist deutlich größer als die Zahl der Vereine mit Mitgliederrückgang. Darüber hinaus werden immer noch neue Vereine gegründet. Der Vereinssport ist also nach wie vor durch Wachstum gekennzeichnet. Ich ergänze dieses Ergebnis durch eine Feststellung des Instituts für kooperative Planung und Sportentwicklung im Rahmen ihres Berichts zur Sportentwicklungsplanung Tübingen. Danach ist die Zahl der Mitglieder in den Tübinger Sportvereinen im Zeitraum zwischen 2002 und 2007 um etwa 12 % gestiegen, wobei vor allem Frauen und Kinder daran den größten Anteil hatten. Diese Wachstumsrate ist noch wesentlich größer als jene im WLSB mit 2,2,%.
  2. Das zweite zentrale Ergebnis unserer WLSB- Studie besteht darin, dass die Gesamtzufriedenheit der Mitglieder mit ihrem Verein beachtlich hoch ist.

Allein diese beiden Befunde führen zu der Aussage, dass der Sportverein (und damit auch der Stadtverband) kein Auslaufmodell ist. Im Gegenteil: Viele Befunde deuten darauf hin, dass der Sportverein große Chancen hat, sich auch weiterhin positiv zu entwickeln.

Welches sind die Gründe für diese positive Entwicklung? Welches sind die gesellschaftlich relevanten Leistungen der Sportvereine, die wir im Rahmen eines solchen Jubiläums durchaus mit Überzeugung vertreten dürfen? Aus meiner Sicht kann man sie in sechs Punkten zusammenfassen.

  1. Die Vereine in ihrer Gesamtheit bieten konkurrenzlos eine Vielfalt von Bewegung, Spiel und Sport an. In Tübingen kann man alle klassischen Sportarten betreiben. Man kann aber auch Baseball und Boule spielen, tauchen im Sinne des Untertauchens und in die Luft gehen mit Hilfe des Segelflugzeugs, und man kann mit dem Deutschen Alpenverein wandern oder aber dem Tübinger Yacht- Club beitreten, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Vereine passen sich also den sich verändernden Interessen der Bürgerinnen und Bürger an. Diese Vielfalt umfasst sowohl sportartorientierte als auch sportartübergreifende Angebote und hier vor allem gesundheitsorientierte.
  2. Was schließlich nur die Vereine (nicht alle, aber doch sehr viele) ermöglichen, das ist die Verbindung von Breitensport, Wettkampfsport und Leistungssport. Dies ist das große Markenzeichen des organisierten Sports.
  3. Sportvereine leisten einen wichtigen Beitrag zur sozialen Integration. Sie sind prinzipiell offen für alle Alters-, Geschlechts-, Schicht-, Religions- und Staatszugehörigkeit. Auch wenn es den Vereinen eher gelingt, Jugendliche, Männer und Mittelschichtangehörige zu integrieren, weniger dagegen Migranten, Behinderte und Angehörige unterer sozialer Schichten- nichts soll beschönigt werden-, so wird der Slogan „Sport spricht alle Sprachen“ doch in kaum einer anderen Institution so breit umgesetzt wie in den Sportvereinen. In einer Zeit, in der sich traditionelle soziale Strukturen (z.B. die Familienstrukturen) teilweise auflösen, in der viele Menschen sozialen Kontakt und sozialen Halt suchen, kann der Sportverein ein wichtiges soziales Netz darstellen.
  4. Vor dem Hintergrund der vielfach diskutierten Individualisierung der Gesellschaft, wonach zentrale Sozialisationsinstanzen wie die Schule und das Elternhaus ihre Erziehungsaufgaben nicht mehr angemessen wahrnehmen, leisten Sportvereine- als größte Jugendorganisation- einen wertvollen Beitrag zur Erziehung, Bildung und Sozialisation von Kindern und Jugendlichen. Über 80% der Vereine machen im Rahmen der Jugendarbeit Angebote, die über den Trainings- und Wettkampfbetrieb hinausgehen, vor allem ein- und mehrtägige Aktionen (z.B. Jugendlager in den Ferien). Die hohe Bindungskraft der Sportvereine zeigt sich z. B. darin, dass jugendliche Vereinsmitglieder im Alter zwischen 15 und 19 Jahren bereits sieben Jahre dem betreffenden Verein angehören. Etwa 15% von ihnen engagieren sich im Verein bereits in diesem Alter in ehrenamtlichen Funktionen und 70% engagieren sich darüber hinaus als Helfer im Trainings- und Übungsbetrieb sowie bei Turnieren und Wettkämpfen, so dass sich abschätzen lässt, in welchem Maße Heranwachsende in Sportvereinen zu gemeinwohlorientiertem, bürgerschaftlichem Engagement angeregt werden.
  5. Unbestritten ist, dass der Bereich des Sports, der gezielt zur Erhaltung, Verbesserung und Wiederherstellung der Gesundheit betrieben wird, also der Präventions- und Rehabilitationssport sowie die Sporttherapie, in zunehmendem Maße von den Sportvereinen ausgebaut wird. Insofern leisten die Sportvereine einen maßgeblichen Beitrag zur Gesundheit der Bevölkerung in physischer, psychischer und sozialer Hinsicht.
  6. Schließlich sei noch auf die Bedeutung es Ehrenamts in den Sportvereinen verwiesen. Der auf der Basis der Vereinsarbeit organisierte Sport ist in Deutschland die größte, ehrenamtlich geführte Organisation. In den Sportvereinen engagieren sich etwa ein Drittel der Mitglieder im Laufe ihrer Vereinszugehörigkeit in verschiedenen Ämtern. Darüber hinaus gibt es viele Mitglieder, die ohne Amt unregelmäßig im Verein mithelfen. Das ehrenamtliche Engagement ist somit die Basis der Vereinsarbeit und ermöglicht die im Vergleich zu anderen Sportanbietern relativ niedrigen Mitgliedsbeiträge. Ehrenamtliche Mitarbeit schafft Werte. Der materielle Wert wird auf etwa sieben Milliarden Euro jährlich geschätzt. Weitaus größer ist jedoch der ideelle und soziale Wert. Außerdem ist das Ehrenamt ein bedeutsames Element einer lebendigen Demokratie im Sport. Das Ehrenamt schließlich sichert auch die Unabhängigkeit von Staat und Wirtschaft und ermöglicht das Subsidaritätsprinzip, d.h., der Staat hilft im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe lediglich dort, wo der in den Vereinen und Verbänden organisierte Sport seine Aufgaben nicht eigenständig lösen kann.

Wenn man die Entwicklung, den aktuellen Stand und die Perspektiven der Sportvereine zusammenfassend betrachtet, dann kann man dem Stadtverband für Sport Tübingen gerade an diesem Jubiläumstag zu seiner Familie nur gratulieren.

Andererseits kann man auch den Vereinen zu ihrem Stadtverband gratulieren.